Lesung aus der Apostelgeschichte (Apg 17,16a.19-34a)
In jenen Tagen, als Paulus in Athen auf seine Gefährten wartete, nahmen ihn einige mit, führten ihn zum Areopag und fragten: Können wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du vorträgst? Du bringst uns recht befremdliche Dinge zu Gehör. Wir wüssten gern, worum es sich handelt.
Als in den frühen Nachkriegsjahren der damalige Wiener Kardinal Innitzer zum ersten Mal die neugegründete KHG in Wien besuchte, eröffnete er seine Ansprache mit dem Satz: „Hier ist der Areopag.“ Er charakterisierte damit die Hochschulgemeinde just als einen Ort, an dem sich Menschen treffen, um – wie in der Apostelgeschichte beschrieben – die letzten Neuigkeiten auszutauschen und zu diskutieren – Neuigkeiten freilich nicht bloß im heutigen Sinne von tagesjournalistischen „news“, sondern eher im Sinne von aktuellen Themen und Geistesströmungen. Die Hochschulgemeinde sollte also gelten als bevorzugter (kirchlicher) Ort des intellektuellen Diskurses und des offenen, zeitgemäßen Gesprächs über „Gott und die Welt“. Der Stil und überhaupt die Kultur solchen Diskurses haben sich in den Jahrzehnten seit der Gründung der ersten österreichischen KHG zweifellos stark verändert. (Um diese Veränderungen festzustellen, braucht man nur einmal ein wenig in unseren Archiven zu stöbern und frühere Semesterprogramme unserer KHG mit den aktuellen zu vergleichen.) Dennoch glaube ich, dass die Bezeichnung „Areopag“ heute sogar noch zutreffender als damals ist für die Situation, in der wir als christliche Gemeinde an der Universität stehen:
Wir bewegen uns heute in einem geistigen und sozialen Umfeld, dem eindeutig profilierte, identitätsstiftende und den persönlichen Lebensstil prägende weltanschauliche bzw. religiöse Milieus weitgehend abhanden gekommen sind. Jede/-r Einzelne ist heute in weit größerem Ausmaß gefordert als früher, eine persönliche geistige Heimat erst einmal zu finden, und vielen gilt nicht einmal mehr ein solches Finden, stattdessen ein permanentes Suchen und Ausprobieren als die allein mögliche, vielleicht sogar die allein sinnstiftende und insofern erstrebenswerte Daseinsgestalt. Dieser Individualisierung entspricht auch jene „neue Religiosität“, von der heute allenthalben wieder die Rede ist, nachdem frühere Prophezeiungen vom bevorstehenden „Tod der Religionen“ sich offenbar als trügerisch erwiesen haben – eine neue Religiosität freilich jenseits der alten religiösen Erzählgemeinschaften und großen verbindlichen Institutionen; eine individuell suchende Religiosität, die sich – wenn überhaupt – noch am ehesten um einen gemeinsamen Altar sammeln ließe, der genau jene Widmung trägt, die Paulus am Athener Areopag fand: „EINEM UNBEKANNTEN GOTT“. – Ja, wir befinden uns als KHG heute mindestens so sehr wie vor 50 / 60 Jahren auf einem Areopag – oder stellen zumindest den Anspruch, es zu sein und den Raum dafür zu schaffen. Und genau das haben wir sozusagen auch „hand- und dingfest“ umzusetzen versucht mit der Einrichtung dieses „Raumes der Stille an der Universität“:
Wer diesen Raum betritt, wird ihn normalerweise kaum einmal so voller Menschen erleben wie heute, sondern er wird vielmehr unausweichlich konfrontiert mit einer nicht nur für religiöse, sondern überhaupt für unsere üblichen Lebensräume untypischen und ungewohnten Leere und Unbestimmtheit: Praktisch kein explizit einer bestimmten Religion zuordenbares Symbol findet sich hier, kein die Lust der Augen befriedigendes und auf sich ziehendes Ornament oder Bildnis; nicht einmal die Möblierung ist bequem und unseren Wohnlichkeitsansprüchen gerecht. Lediglich die Linie aus gestampftem Lehm am Boden und der Lichtspalt, in den sie mündet, die beide gewissermaßen das harte Betonkorsett des Raumes sprengen, schaffen gerade aufgrund dieses sprengenden Impetus’ und des materiellen Kontrastes (hier das menschliche Kunstprodukt Beton, da die Naturelemente Erde und Licht) so etwas wie einen spezifisch religiösen Bezug: Sie verweisen auf die Kraft religiöser Transzendenz, die alle Korsette dieser Welt und auch alle Verengungen und Eigenmächtigkeiten unseres menschlichen Seins sprengt. Darüber hinaus aber passt für diesen Raum in seiner Bilderlosigkeit und Leere bestenfalls die Widmung: „EINEM UNBEKANNTEN GOTT“. Jeder Mensch – ob sein Gott schon bzw. überhaupt einen Namen trägt oder nicht, ob sein Suchen und Fragen überhaupt schon eine Antwort erfahren hat oder nicht – ist wie am Athener Areopag eingeladen und aufgefordert, diesen „Raum eines unbekannten Gottes“ zu nutzen und sich anzueignen.
Aber nicht nur für die noch unbestimmt Suchenden oder die bewusst sich nicht festlegen Wollenden will dieser Raum offen sein; er birgt in seiner Leere auch eine wichtige Botschaft, ja eine geradezu heilsam provozierende Erinnerung für alle, deren Gott sehr wohl einen konkreten Namen trägt: Wir als KHG, als kirchliche Gemeinde an der Universität wollen ja selbstverständlich auch weiterhin für einen Gott einstehen, der keineswegs namenlos geblieben ist in unserer Geschichte. Wir wollen weiterhin – und gerade auch in diesem Raum und unserem areopagartigen Umfeld – von diesem, unserem Gott sprechen und zeugen – ähnlich wie auch Paulus am Areopag den unbekannt verehrten Gott ja nicht unbenannt gelassen hat. Aber die Apostelgeschichte verschweigt in ihrem Bericht auch nicht, dass Paulus mit seinem Vorgehen nicht gerade sehr erfolgreich war. Vielleicht benahm er sich damals einfach zu ungestüm. Vielleicht zieht ein Mensch, der wie Paulus allzu sicher und selbstbewusst von seinem Gott spricht, sich mit gutem Grund das Misstrauen und die Skepsis der ihm Zuhörenden zu. Macht er den Gott, für den er spricht, denn nicht gerade durch seine angebliche Klarheit und Begreifbarkeit suspekt in den Augen der noch nicht Gläubigen? Und müssen sich nicht auch viele unserer kirchlichen Predigten und Ansprachen mit Recht die kritische Frage gefallen lassen: wie denn eigentlich von Gott, von jenem unendlich Anderen in jener beinahe familiären Vertraulichkeit gesprochen werden kann, wie dies zuweilen geschieht – mit welchem Recht wir denn eigentlich den schlechthin Unbegreiflichen als Objekt unserer theologischen Begriffswut vergewaltigen – und wie wir dazukommen, von dem jedes menschliche Maß Übersteigenden mit einem vorgeblichen Wissen zu sprechen, als wären nicht wir Sein, sondern Er unser Geschöpf? – Vielleicht ist eine zeitgemäße christliche Rede von Gott heute mehr denn je herausgefordert zur Vorsicht und Selbstbescheidung – heute mehr denn je, weil die uns umgebende Welt doch schon so übervoll ist von Gottesreden und Glücksverheißungen, die einer gründlichen Prüfung dann doch nie standhalten und sich wenigstens auf Dauer als hohl und leer erweisen. Und vielleicht ist es in dieser von falschen Versprechungen und vordergründigen Ersatzreligionen so überfüllten Welt deshalb umso glaubwürdiger, ganz anders von Gott zu künden: nämlich im Modus der Verborgenheit und Entzogenheit. Ja, vielleicht ist das heute die sinnvollste Weise, in einer vor Machbarkeitswahn und Selbstverliebtheit strotzenden Welt glaubwürdig und wahr von Gott zu reden: im bescheidenen, aber unbeirrten Hinweis auf Seine Unverfügbarkeit und letzte Entzogenheit.
Und gerade auch dafür steht dieser neue Raum der Stille an der Universität in seiner geradezu beunruhigenden, provozierenden Nüchternheit und Leere: Gleichsam als Stein gewordene Einladung, der Stille des Geheimnisses einen Ort zu sichern im schier allgegenwärtigen und uns die Ohren verschmierenden Gedudel und Gedröhn unseres Alltags; als Herausforderung, manche Leerstellen in unserem Leben bewusst frei und offen zu halten und nicht vorschnell aufzufüllen mit allerlei sinnlosen Sinnstiftern; als Erinnerung, die großen und echten Fragen unseres Lebens überhaupt einmal zu stellen und stehen zu lassen und nicht vorschnell abzuwürgen durch vertrauensselige Griffe in die vermeintliche Schatzkiste religiösen Katechismuswissens.
Dieser Raum will und soll in seiner Leere und Unbestimmtheit ein Stück heilsame Wüste inmitten unserer Lebenswelt sein. Von „heilsamer“ Wüste spreche ich deshalb, weil die Stille und Leere der Wüste zumindest in der Tradition der biblischen Religionen der bevorzugte Ort der Gottesbegegnung ist. Amen.
Dr. Markus Schlagnitweit