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„Wie muss ich eine Frau malen, dass sie zu Maria wird? Wie muss ich Farbe auftragen, dass sie nicht Farbe bleibt, sondern ein Bild wird?“ Fragen, die für Esther Strauß Ausgangspunkt waren für die Öl- und Acrylmalerein der Ausstellung „maria – oder ein paar davon“. Eineinhalb Jahre lang hat sich die zwanzigjährige Kunststudentin mit dem Thema Marienbild auseinandergesetzt. Im Raum der Stille zeigt sie eine Auswahl an Arbeiten. „Maria interessiert mich als stark bebilderte Frauengestalt. Sie wurde innerhalb von konkreten Normen immer wieder gemalt und deshalb fein variiert. Ich wollte dem keine weitere Variation hinzufügen, sondern meine eigenen Marienbilder entwickeln.“, sagt Strauß.
zur Künstlerin
Esther Strauß, geb. 1986. Malerin, Schreiberin, freie Journalistin. 2004/05 Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg. Seit 2005 Studium der Bildenden Künste, Schwerpunkt Malerei an der Kunstuniversität Linz. Mehrere Gruppenausstellungen. Erste Einzelausstellung in der Museumsgalerie Tarrenz/Tirol. 2006 Tiroler Jugendliteraturpreis, Kategorie Hörspiel. Schreibt Prosa, Lyrik, Hörspiele, Literaturkraut. Für Rückfragen: |
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zum Werk
(Esther Strauß )
MARIA
oder ein paar davon
Wieso Maria?
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Vor eineinhalb Jahren habe ich begonnen, Marienbilder zu malen. In dieser Zeit hat sich das Thema für mich stark verändert, beziehungsweise das, was ich an ihm malen wollte. Inzwischen ist das Thema abgeschlossen und ich darf im Raum der Stille eine Auswahl zeigen. Wieso Maria? Maria hat mein Interesse geweckt als stark bebilderte Figur, als stark bebilderte Frauengestalt. Als ich auf ihre Bilder zu achten begann, habe ich sie als Alltagsbild außerhalb von Kirchen oft getroffen: in Wandmalereien von Wohnhäusern, auf Friedhofskerzen, als Kettenanhänger. Überrascht hat mich die Vielfalt des Ausdrucks, die in den immer wieder gemalten Normen ihrer Darstellung sichtbar war. Gemalt habe ich Maria, weil ihre Figur in ihrer malereigeschichtlichen Entwicklung von einem Symbol zu einer Person, etwas forderte: dass sie ihre Darstellung nicht bloß als Maria erkennbar macht, sondern dass ein Mehr in ihrem Abbild liegen muss, das Maria von anderen Bildern abhebt. Als Kirche und Malerei noch enger verknüpft waren, war es die Aufgabe der Maler, dieses von der Theologie erzeugte Mehr darzustellen. In der Beanspruchung von diesem Mehr, das bei Maria in eine Figur verpackt ist, steckt für mich ein zentrales Thema der Malerei. Wie muss ich eine Frau darstellen, dass sie zu Maria wird? Wie muss ich Farbe auftragen, dass sie nicht Farbe bleibt, sondern ein Bild wird? Wie viel Kontext, Symbole und Normen braucht Farbe, um sich als Bild auszuweisen? |
Meine Auseinandersetzung mit Maria war eine eher untheologische. Ich habe (Bibel)Texte über sie gelesen und mir Malereien angeschaut, die diese Worte bebildern. Eine meiner ersten Arbeiten zu Maria war eine kleine Kopie, ein Ausschnitt aus der Verkündigung von Simone Martini. Parallel dazu habe ich meine eigenen und zuerst figürlichen Marienbilder gemalt, so auch die Serie: „Maria wird“. Ich wollte Maria darstellen, wie sie mir als Bild kam und nicht vorhanden war in den Bildern, die bereits von ihr gemalt wurden. Die Malereien danach haben Maria als Figur aufgelöst und immer mehr versucht, nur dieses Mehr zu zeigen – ich wollte kein spezielles Bild malen, sondern das, was ein Bild speziell macht. Das letzte Marienbild ist keine Malerei mehr, sondern ein Klebebild. Es greift das Marienbild als Wiederholung auf und soll zwei Blicke möglich machen, je nachdem, wie sehr man sich ihm nähert. - den auf ein abstraktes und den auf ein gegenständliches Bild. Klar erzählen kann ich von meiner Auseinandersetzung mit Maria, weil ich sie inzwischen beendet habe. Maria war für mich die geeignete Figur, um an ihr meine Malerei zu verändern. Am Schluss stehen also einige unterschiedliche Marienbilder, deswegen der Titel: „Maria – oder ein paar davon“; denn sicher gibt es noch mehr von ihr. |
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Raum der Stille an der Universität
Die ehemalige Hauskapelle der Katholischen Hochschulgemeinde Linz wurde im Jahr 1968 errichtet. Im Rahmen der Neugestaltung 2001/02 erfuhr der Raum eine konzeptionell völlig neue Ausrichtung als interreligiöser „Raum der Stille an der Universität“. Die künstlerische Umsetzung stammt von den jungen Kunstschaffenden Andrea Barth (Studienrichtung Architektur), Andrea Krenn (Studienrichtung Malerei) und Peter Kulev (Studienrichtung Metall), die mit ihrem Teamprojekt den an der Linzer Kunstuniversität ausgeschriebenen Wettbewerb für sich entschieden.
Das von ihnen verfolgte Konzept besticht durch weitgehende Integration der ursprünglichen Bausubstanz ebenso wie durch radikale Klarheit und Konsequenz in materieller sowie formaler Hinsicht. In seiner „wüstenhaften“ Kargheit stellt der Raum einen bewussten Gegenpol zur reizüberfluteten und hektischen Atmosphäre pulsierenden universitären Lebens dar und bietet zugleich Freiraum für vielfältige Formen religiöser Nutzung sowie für temporäre künstlerische Gestaltungen.
Seit dem Wintersemester 2003/04 findet einmal pro Semester die Ausstellungsreihe „kunstzeit“ in Kooperation mit dem Kunstreferat der Diözese Linz im Raum der Stille statt. Abwechselnd sind dabei junge Studierende der Kunstuniversität Linz und bereits etablierte Kunstschaffende mit ihren Arbeiten und Objekten zu Gast.
Mit der Reihe „kunstzeit“ wird zeitgenössische Kunst in einem interreligiösen Gebets- und Feierraum thematisiert.
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Theologische
Annäherung:
(Dr. Markus Schlagnitweit, Hochschulseelsorger)
„Ein paar wovon?“, provoziert der Titel der aktuellen „kunstzeit“ als Frage. Ein paar wovon? – Ist einfach gemeint: ein paar Bilder, eine Auswahl aus dem gesamten Bilder-Zyklus, in dem Esther Strauß sich mit Maria als Sujet der Malerei oder überhaupt der bildenden Kunst auseinandersetzt? Oder ist gemeint: ein paar Marias – ein paar aus einer kaum übersehbaren Fülle an Darstellungen und Profilen, die unter diesem Namen firmieren und die sich z.T. derart voneinander unterscheiden, dass man ernstlich in Erwägung ziehen muss, die vielen unterschiedlichen existierenden Darstellungen portraitierten in Wirklichkeit auch ganz verschiedene Persönlichkeiten, die nur eines gemeinsam zu haben scheinen: den Namen Maria und einen engen mütterlichen Zusammenhang mit der christlichen Gottesgeschichte. Der kunstzeit-Titel wäre dann also so zu paraphrasieren: „Maria – oder vielmehr: ein paar Marias aus der Vielzahl der diesen Namen tragenden Gottesgebärerinnen“.
Tatsächlich ist die Zahl der unterschiedlichen Persönlichkeitsprofile, auf die sich die christliche Marienverehrung bezieht, nahezu Legion: Sie reicht vom jungfräulich-zerbrechlichen Mädchen bis zur mütterlichen Gluckhenne, unter deren Schutzmantel ängstliche Gläubige Zuflucht vor allerlei Not (bis hin zu einem strafenden Vatergott) finden; sie reicht von der beinahe hündisch-willfährigen Ja-Sagerin bis zur mutigen Sängerin des „Magnificat“ (eines biblischen Hymnus’, der den totalen Umsturz aller traditionellen Machtstrukturen dieser Welt verkündet); sie reicht von der modelartig-makellosen erotischen Schönheit bis zur schmerz-zerfurchten Pietà und Identifikationsfigur aller untröstlich Trauernden. – Dementsprechend vielfältig und unterschiedlich fallen auch die bildhaften Darstellungen Marias in der christlichen Tradition aus: Blass-blaue, süßliche Gipsfigürchen im Nazarener-Stil des 19. Jh. gelten den Einen als authentisches Bild, Anderen die dunkel-herben Züge ost-europäischer Ikonen. Einmal entspricht Maria dem Idealbild einer höfischen Dame des Spätmittelalters oder der Renaissance, ein andermal begegnet sie in den kraftvollen, bunten Zügen einer lateinamerikanischen Campesina. Die meisten älteren Marienbilder verbindet eine wenig raumgreifende Bescheidenheit und Stille; erst in der jüngeren Kunstgeschichte begegnet Maria auch als starke, souveräne Frauengestalt; aber ich werde den Verdacht nicht los, dass etwa auch die militante französische Marianne in Wirklichkeit eine getarnte Marien-Ikone der bürgerlichen Revolution ist.
Bekanntlich gab und gibt es in der Geschichte der monotheistischen Religionen immer wieder Bestrebungen, die figürliche Darstellung menschlicher Personen zu verbieten. Das Argument: Das Bild wird der Realität niemals gerecht und reduziert die Komplexität der darzustellenden Persönlichkeit auf ungebührliche Weise. Die Person Marias hat geradezu das gegenteilige Problem: Ihre Darstellungen sind so vielfältig, dass sie sich gar nicht mehr auf eine menschliche, zumal historische Person vereinen lassen; in der Vielzahl ihrer Bilder droht sich ihre Persönlichkeit aufzulösen in ein buntes Allerlei.
Eine Vermutung liegt nahe: Die Maria der Kunstgeschichte bzw. der christlichen Marien-Frömmigkeit hat überhaupt keine historische Person mehr im Blick – nicht mehr jene junge Frau aus dem Dorf Nazareth, von der die wenigen biblischen Zeugnisse nicht vielmehr hergeben, als dass sie unter nicht restlos erklärbaren Umständen zur Mutter Jesu wurde. Die Maria der christlichen Marienverehrung dient vielmehr einerseits einfach als Projektionsfläche menschlicher, in der Hauptsache männlich geprägter Wunschträume eines menschlichen bzw. fraulichen Ideals; andererseits fungiert sie als Identifkationsfigur, welche die Defizite und Einseitigkeiten der traditionell patriarchal bestimmten christlichen Gottesrede kompensieren hilft. Man könnte sagen: Viele charakterliche Zuschreibungen Marias sind in Wirklichkeit Versuche, die biblisch durchaus auffind- und begründbaren weiblichen Seiten im Wesen Gottes neben das „offizielle“, traditionell patriarchal dominierte Gottesbild zu stellen und dieses dadurch zu ergänzen.
Mit dem Ausstellungstitel „Maria – oder ein paar davon“ nicht weniger denn mit ihrer Auswahl teils sehr unterschiedlicher Bilder, die von der Figürlichkeit bis zur Abstraktion reichen, vermittelt Esther Strauß eine in meiner Deutung eminente theologische Aussage: Sowohl durch die Unterschiedlichkeit der Bilder als auch durch den eine gewisse Beliebigkeit evozierenden Titel ruft sie in Erinnerung, dass jede menschliche Gottesrede, ja menschliche Rede überhaupt immer nur ein paar mögliche Ausschnitte der Wirklichkeit trifft und darzustellen imstande ist, dass sie niemals den Anspruch auf erschöpfende Vollständigkeit stellen kann, dass sie stets der Ergänzung bedarf und des anderen, oft sogar konträren Standpunkts. Ein theologisches Grundaxiom besagt dementsprechend: Was der Mensch von Gott aussagen kann, ist Ihm stets unähnlicher als ähnlich; die von der menschlichen Rede (noch) nicht erfasste Wirklichkeit Gottes ist stets größer als das wenige Wahre, das die theologische Aussage zu erfassen und auszudrücken imstande ist.
Wenn die darstellende Kunst freilich auch immer wieder der gegenteiligen Gefahr Vorschub leistete: nämlich religiöse Vorstellungen festzulegen auf bestimmte Bilder (z.B. Gottvater als der große, alte Mann mit Vollbart; Jesus als sanftmütiger Proto-Hippie; Maria als demütige Magd; …) – wenn die darstellende Kunst also auch immer wieder ihren Teil zu derartigen Verengungen und Einschränkungen der religiösen Wahrnehmung beisteuerte und als Gegenreaktion darauf Ikonoklasmen / Bilderstürme hervorrief, so vermag die Kunst – wie im aktuellen Werk von Esther Strauß jedenfalls erkennbar – gerade auch das Gegenteil anzuregen: das Aufbrechen, Irritieren, Ergänzen traditioneller Klischees auf eine wirklichkeitsadäquatere Gesamtvorstellung hin.
Vielleicht liegt hierin auch die eigentliche Bedeutung recht verstandener christlicher Marienfrömmigkeit: gerade in ihrer bunten Vielschichtigkeit, die von triefendem Gefühlskitsch bis zur revolutionär-politischen Botschaft reicht – gerade in dieser Vielfalt die traditionell patriarchal geprägten christlichen Gottesvorstellungen und –bilder aufzubrechen, zu irritieren und zu ergänzen um Dimensionen und Perspektiven weiblicher Existenz. Amen.