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Monika Pichler
„in olevano “
Eröffnung:
Mittwoch, 14. Mai 2008, 20.00
Raum der Stille, Katholische Hochschulgemeinde, Mengerstraße 23, A-4040 Linz
Zu den Arbeiten sprechen:
Dr. Markus Schlagnitweit, Theologe und Hochschulseelsorger
Dr. Ramón Reichert, Medientheoretiker, Kunstuniversität Linz
Musik:
Linda Pilz spielt aus den Fantasien für Violine Solo von Georg Philipp Telemann (1681–1767)
Ausstellungsdauer: 14. Mai – 27. Juni 2008
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„in olevano“
Für die Ausstellung im „Raum der Stille an der Universität“ hat Monika Pichler Fotos einer nicht alltäglichen Situation als Ausgangsmaterial verwendet: Während eines Studienaufenthaltes 2007 in Italien fotografierte die Künstlerin Textilien im Alltag: Für die Fronleichnamsprozession hatten die BewohnerInnen von Olevano, einem kleinen Ort südlich von Rom, die Hauswände mit Stoffen behängt. Eine außergewöhnliche Verbindung von Stoff und Architektur: Weiche Brokatstoffe hingen über alte Steinmauern und kleideten den Ort festlich, Spitzenstoffe quollen aus Fenstern: Der Außenraum wurde zum Innenraum, Privates nach außen gestülpt.
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"la strada 1", Siebdruck, koloriert, 110 x 110 x 6,5 cm, 2008
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"la finestra", Siebdruck, koloriert, 60 x 50 x 4,5 cm, 2008
Monika Pichler
Monika Pichler, geboren 1961 in Hallein, Universitätsprofessorin am Institut für Kunst und Gestaltung/Textil, Kunstuniversität Linz, arbeitet bevorzugt in Siebdruck. Ihre Vorlagen bilden historische Motive und Bilddokumente, vor allem aber eigene Fotoaufnahmen, die sie in Siebdruck überträgt und weiter bearbeitet. Fliegende Teppiche, Bombenteppiche, Nüsse und Hirne sowie Frauenreise-Teppiche zählen zu den letzten Werkgruppen von Monika Pichler. Ihre Arbeiten befinden sich in internationalen Sammlungen, öffentlichen Einrichtungen und Museen.
Atelier: Hofgasse 3, 4020 Linz, Kontakt: Tel. 0664/3810246, monika.pichler@ufg.ac.at
Unter dem Titel „In Wirklichkeit ist alles anders“ ist bis 6. Juni eine Ausstellung von Monika Pichler in der Galerie- halle, Ottensheimerstraße 70 zu sehen.
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Raum der Stille an der Universität
Die ehemalige Hauskapelle der Katholischen Hochschulgemeinde Linz wurde im Jahr 1968 errichtet. Im Rahmen der Neugestaltung 2001/02 erfuhr der Raum eine konzeptionell völlig neue Ausrichtung als interreligiöser „Raum der Stille an der Universität“. Die künstlerische Umsetzung stammt von den jungen Kunstschaffenden Andrea Barth, Andrea Krenn und Peter Kulev, die mit ihrem Teamprojekt den an der Linzer Kunstuniversität ausgeschriebenen Wettbewerb für sich entschieden.
Das von ihnen verfolgte Konzept besticht durch weitgehende Integration der ursprünglichen Bausubstanz ebenso wie durch radikale Klarheit und Konsequenz in materieller sowie formaler Hinsicht. In seiner „wüstenhaften“ Kargheit stellt der Raum einen bewussten Gegenpol zur reizüberfluteten und hektischen Atmosphäre pulsierenden universitären Lebens dar und bietet zugleich Freiraum für vielfältige Formen religiöser Nutzung sowie für temporäre künstlerische Gestaltungen.
Seit dem Wintersemester 2003/04 findet einmal pro Semester die Ausstellungsreihe „kunstzeit“ in Kooperation mit dem Kunstreferat der Diözese Linz im Raum der Stille statt. Abwechselnd sind dabei junge Studierende der Kunstuniversität Linz und bereits etablierte Kunstschaffende mit ihren Arbeiten zu Gast.
Kuratorin der Reihe „kunstzeit“ im Raum der Stille an der Universität: Mag. Martina Gelsinger
Katholische Hochschulgemeinde, Mengerstraße 23, 4040 Linz, E-Mail, Telefon: 0732/244011-73
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Bei meinem Versuch, mich an die hier ausgestellten Arbeiten von Monika Pichler theologisch anzunähern, komme ich nicht umhin, ein paar Umwege zu beschreiten – und auf Ihre Bereitschaft zu hoffen, mir dabei folgen zu wollen:
Das auf den hier ausgestellten Arbeiten abgebildete Sujet ist mir vertraut: Ich habe 6 Jahre in Rom gelebt und habe die Kleinstädte in den Bergen östlich von Rom, zu denen auch Olevano zählt, häufig besucht. Diese alten Ansiedlungen sind zumindest für den Reisenden aus den Regionen nördlich der Alpen an sich schon äußerst pittoresk: Schmale, hohe Steinhäuser auf engstem Raum und zuweilen sogar überhängend aus den steilen Felsklippen herauswachsend, getrennt oft nur durch enge, steile, schattige und weitgehend unbefahrbare Gassen und Durchgänge. Zum architektonischen Bild dieser Städte zählen wenigstens seit einigen Jahrzehnten auch die bautechnischen Installationen der Moderne: Strom-, TV- und Telefonkabel, Wasserleitungen und Abwasserrohre überziehen wie außen liegende Adern und Nervenstränge die alten, häufig unverputzten Steinfassaden oder verbinden sie untereinander. Wer durch das enge Gewirr von Gassen, Durchlässen und Steintreppen wandert, wird zuweilen unsicher, ob er sich noch „draußen“ im Freien oder schon „drinnen“ befindet: in einem privaten Innenhof, einem Treppenflur, einer Garage oder Werkstatt. Einziger Anhaltspunkt zur Entscheidung dieser Frage ist das „vielfarbig-schmutzige“, oft bemooste Grau und die grobe Unebenheit der unverputzten Steinmauern und des ausgetretenen Pflasterbodens.
Dieses eigentümliche Changieren zwischen innen und außen erfährt noch eine letzte Steigerung an einigen, v.a. kirchlichen Festtagen im Jahr, etwa zum Patrozinium der Ortsheiligen oder zu Fronleichnam: Da wird nicht nur das Straßenpflaster, über das die Festprozession ziehen wird, in oft tagelanger Handarbeit mit vielfarbigen Bildteppichen aus Millionen von Blütenblättern ausgelegt, sondern – und das sehen wir auf den Bildern Monika Pichlers – da werden auch die Hausfassaden zumeist textil gestaltet. An Stelle der einfach zum Trocknen ausgehängten Wäsche überdecken dann einfache oder reich verzierte Leintücher und Tischdecken die rauen Steinmauern, umrahmen Vorhänge aus Spitze oder schwerem Brokat die Außenseite von Fenster- und Toröffnungen, verzieren bunte Teppiche und gestickte Heiligenbilder das sonst vorherrschende Steingrau. Nicht nur wie im Alltag in Form der haustechnischen Installationen kehrt und stülpt sich an den Festtagen sozusagen auch die wohnliche, warme Innenwelt der Häuser nach außen.
Als Theologe deute ich diesen folkloristischen Brauch als nachahmendes Echo auf die Botschaft der religiösen Prozessionen selbst. Wenn etwa zu Fronleichnam das eucharistische Brot in einer feierlichen Prozession über die Straßen und Wege des Alltags getragen wird, so lautet die Botschaft dieser religiösen Handlung: Das, was normalerweise „drinnen“ im Kirchenraum kultisch gefeiert wird, das Teilen von Brot und Wein, also das Teilen dessen, was zum Leben notwendig ist und was mit Freude und Dankbarkeit erfüllt – dieses Teilen muss sich auch „draußen“, in der Wirklichkeit des Alltags ereignen, muss als Leitmotiv auch das alltägliche Leben und Zusammenleben „draußen“ prägen; ansonsten bleibt die ganze, sich normalerweise im Kirchenraum abspielende kultische Feier sinnlos und damit wertlos. Religion, also die persönliche Beziehung des einzelnen Menschen zu seinem Gott muss öffentlich, muss alltäglich lebenswirksam werden. Sonst ist sie verzichtbar. Sonst ist sie im Sinne der klassischen Religionskritik sogar lebensfeindliches Opium. – Und wenn die Menschen Mittel- und Süditaliens an solchen Festtagen die intimen Räume ihres Wohnens gleichsam nach außen stülpen, vollziehen und ahmen sie genau diese Botschaft der religiösen Prozessionen nach bzw. eignen sie sich an: Was ihnen den Privatraum ihres Wohnens im Alltag schön, behaglich, warm und wertvoll macht, sollte / müsste auch Leitmotiv ihres öffentlichen, gesellschaftlichen Lebens sein. (Ob sie ihren festtäglichen, textilen Fassadenschmuck tatsächlich auch bewusst so deuten, oder einfach in Befolgung alter Traditionen so agieren, ist hier nicht wichtig.)
Aber meine Aufgabe hier und jetzt besteht ja nicht darin, einen mediterranen Brauch zu analysieren und deuten, sondern mich als Theologe der hier zu sehenden Arbeit Monika Pichlers anzunähern. Diese will ja wohl auch nicht nur reportageartige Abbildung des textilen Brauchtums im mittelitalienischen Olevano sein. Weshalb sonst die nachträgliche, erneute und doch verfremdende Colorierung der Bilder? Die besondere drucktechnische Aufbereitung der ursprünglichen Fotografien? Und v.a. ihre ebenfalls auffallende textile Umrahmung, die mich – ich gebe es zu – am meisten an diesen Arbeiten beschäftigt hat?
In meinen Augen holt Monika Pichler mit diesen Bildern das normalerweise den Innenräumen der Häuser Zugehörige, dem mediterranen Brauchtum zufolge aber nach außen Gekehrte gleichsam wieder zurück in den Innenraum – freilich auf neue, veränderte Weise: Sie holt die Vorhänge, Teppiche, Bett- und Tischtücher nicht einfach wieder ein, nach drinnen – dorthin, wo sie schon ursprünglich hingehörten, sondern sie holt – wie in einer Umkehrbewegung zum mediterranen Brauch – jetzt ihrerseits zugleich die dadurch veränderten Außenfassaden mit herein, nach drinnen, wenngleich „nur“ als Abbildungen. Das Hereinholen von Außenansichten nach innen ist an sich nichts neues; das geschieht ja praktisch in allen Bildern unserer Innenräume – in Gemälden, Zeichnungen, Fotografien –, sofern sie eben Außenmotive zum Gegenstand haben: Landschaften, Bauwerke etc. Und man könnte Monika Pichler unterstellen, sie tue in ihren zwar künstlerisch aufbereiteten Olevano-Bildern im Grunde nicht viel anderes als andere Menschen auch, die vielleicht Erinnerungen an besondere Reise- und Urlaubsmotive in Bilderrahmen einspannen und in ihren Wohnungen aufhängen. – Das Besondere erkenne ich allerdings daran, dass in diesen Bildern der Rahmen zum integralen Bestandteil der Bilder selbst gehört, der Akt des Einrahmens also zum Werk selbst und zu seiner Aussage dazugehört. Ich sehe in diesen Bildern also gleichsam den bewusst gesetzten zweiten Schritt einer Umstülpbewegungen: Monika Pichler stülpt das zuerst in einer gewissen Verfremdung nach außen Gestülpte, das sich dort mit dem Draußen verbunden hat, wieder nach innen und macht damit zugleich wenigstens einen Ausschnitt des ursprünglich zum Draußen Gehörenden wiederum verfremdend zu einem Bestandteil des Drinnen.
Wenn ich vorhin den mediterranen Brauch des Umstülpens von Innenräumen in die Außenwelt im Kontext religiöser Prozessionen gedeutet habe: als bewusste Verankerung und Erdung der religiös-kultischen Handlung in einer konkret davon zu inspirierenden Lebenswirklichkeit – so erinnert mich diese zweite Stufe der Umstülpung an den grundsätzlich dialogischen Charakter der Beziehung zwischen sakraler und profaner Wirklichkeit: So wie die sakrale Handlung – wie schon gesagt – stets verpflichtet bleibt einer konkreten Lebenswirklichkeit und diese prägen muss, so muss sich der Raum des religiösen Handelns und der religiösen Erfahrung wiederum nähren und inspirieren an der Wirklichkeit des Lebens „draußen“ und wird dadurch auch seinerseits davon geprägt und verändert.
So wie im Motiv dieser Bilder das Drinnen zum Teil des Draußen wird und dieses verändert, und wie in diesen Bildern selbst dann wieder ein Ausschnitt des so veränderten Draußen zu einem Teil des Drinnen wird und es verändert – so lässt sich gewissermaßen auch das Verhältnis zwischen religiösem Erfahrungsraum und profaner Wirklichkeit, zwischen Spiritualität und Lebenspraxis, zwischen religiös motivierter Aktion und lebenspraktisch verankerter Kontemplation beschreiben und nachzeichnen: als dialogischer Prozess gegenseitiger Inspiration und Verantwortung.