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Eröffnung: Mittwoch, 8. Oktober 2008, 20.00 Uhr
Raum der Stille, Katholische Hochschulgemeinde, Mengerstraße 23, A-4040 Linz
Zu den Arbeiten sprechen:
Dr. Markus Schlagnitweit, Theologe und Hochschulseelsorger
Dr. Ramón Reichert, Medientheoretiker, Kunstuniversität Linz
Musik:
Zur Einstimmung findet eine musikalische Performance statt.
Ausstellungsdauer: 8. Oktober bis 6. November 2008

Raum der Stille an der Universität
Die ehemalige Hauskapelle der Katholischen Hochschulgemeinde Linz wurde im Jahr 1968 errichtet. Im Rahmen der Neugestaltung 2001/02 erfuhr der Raum eine konzeptionell völlig neue Ausrichtung als interreligiöser „Raum der Stille an der Universität“. Die künstlerische Umsetzung stammt von den jungen Kunstschaffenden Andrea Barth, Andrea Krenn und Peter Kulev, die mit ihrem Teamprojekt den an der Linzer Kunstuniversität ausgeschriebenen Wettbewerb für sich entschieden.
Das von ihnen verfolgte Konzept besticht durch weitgehende Integration der ursprünglichen Bausubstanz ebenso wie durch radikale Klarheit und Konsequenz in materieller sowie formaler Hinsicht. In seiner „wüstenhaften“ Kargheit stellt der Raum einen bewussten Gegenpol zur reizüberfluteten und hektischen Atmosphäre pulsierenden universitären Lebens dar und bietet zugleich Freiraum für vielfältige Formen religiöser Nutzung sowie für temporäre künstlerische Gestaltungen.
Seit dem Wintersemester 2003/04 findet einmal pro Semester die Ausstellungsreihe „kunstzeit“ in Kooperation mit dem Kunstreferat der Diözese Linz im Raum der Stille statt. Abwechselnd sind dabei junge Studierende der Kunstuniversität Linz und bereits etablierte Kunstschaffende mit ihren Arbeiten zu Gast.
Kuratorin der Reihe „kunstzeit“ im Raum der Stille an der Universität: Dr. Martina Gelsinger
Katholische Hochschulgemeinde, Mengerstraße 23, 4040 Linz, E-Mail, Telefon: 0732/244011-73
Das Grundmedium der Theologie ist die Sprache. Ich beginne deshalb mit dem Titel von Dorota Wojenskas Arbeit: Das englische Wort „transient“ leitet sich ab vom lateinischen „transire“ – hinüber- bzw. in etwas übergehen ( à Transit), sich verwandeln, von einem Zustand in einen anderen übergehen; metaphorisch wird das Wort auch gebraucht für sterben bzw. überschreiten (einer Grenze). „Transient“ beschreibt also eigentlich einen Zustand des Dazwischen, des Vorläufigen und wäre folglich auch so zu übersetzen: vorübergehend, hinübergehend, darüber hinausgehend.
Wikipedia gibt Beispiele für die Verwendung des Wortes im heutigen (wissenschaftlichen) Sprachgebrauch:
im Ingenieurwesen steht es allgemein für den statistischen Begriff „instationär“,
in der Informatik für zeitlich begrenzt in den Speicher geladene „flüchtige“ Daten,
in der Elektrotechnik und Akustik für einen schnellen, impulshaften Einschwingvorgang,
in der Gentechnik für ein Gen, das von einer Zelle zwar als Plasmid aufgenommen, aber nicht ins Genom eingebaut wird.
Ich greife davon den Begriffsgebrauch in der Akustik heraus, weil er mir spontan einen Zugang eröffnet: Technisch gesehen bezeichnet man als Transienten diejenigen plötzlich auftretenden (Schwingungs-) Ereignisse, die sich nicht von einer Summe einzelner Grundschwingungen herleiten lassen. Hierzu zählen z. B. Stoßvorgänge. Ein Beispiel aus der Musik verdeutlicht das vielleicht: Der Anreißvorgang einer Gitarrensaite ist ein transientes Ereignis, das dann fließend in einen Schwingungsvorgang übergeht. Wir können das Anreißen der Gitarrensaite hören; wir halten es in der Regel aber eigentlich für ein unvermeidliches Störgeräusch, das mit dem eigentlichen Saitenklang wenig zu tun hat. Dennoch: Es sind gerade diese Transienten, wodurch unser Ohr Naturklänge erst eindeutig identifizieren kann, z. B. ob eine schwingende Saite nun durch Anschlagen, durch Luftströme oder aber durch einen Bogen in Schwingung gebracht wird. Physikalisch betrachtet gehören die Transienten also nicht wirklich zum Saitenklang und machen ihn schon gar nicht aus – und sind doch Bestandteil seiner Identität. Wenn dem aber so ist, dann liegt das Wesen des Gitarrenklangs eben auch nicht im eigentlichen Saitenklang allein: Das, was wir als Gitarrenklang identifizieren und erleben, liegt letztlich jenseits der Grenze physikalischer Beschreib- und Visualisierbarkeit. Der Transient hilft uns dabei, hörend diese Grenze zu überschreiten.
Was sehe ich in Dorota Wojenskas Video-Arbeit? – Zunächst Montagen von Körperbildern wie wir sie aus der Medizin kennen: Röntgenbilder, Computer-Tomografien. Soweit es sich um statische Bilder handelt, wie die Röntgenaufnahmen, sind sie nur kurz im Bild; ansonsten fließen die Bilder beständig. Diese Bilder stehen für mich für den uralten menschlichen Versuch, mit technischen und wissenschaftlichen Methoden immer tiefer in das Geheimnis des Lebens einzudringen, ohne es doch zu lüften. Was ist der Mensch? Was ist das Leben? – Schon alt ist die Erkenntnis, dass der Mensch zwar einen Körper hat und auch Körper ist – aber eben nicht nur. Da ist noch mehr – mehr als das, was eben sichtbar bzw. sinnlich wahrnehmbar ist bzw. beschrieben werden kann. Die Bilder der modernen Medizin-Technik liefern faszinierende Details des menschlichen Körpers. Und doch verhält sich das, was dabei visualisiert und beschrieben wird, zur Identität des menschlichen Lebens ähnlich wie die akustischen Transienten: Was wir hier zu sehen bekommen, ist ohne Zweifel Bestandteil menschlicher Identität – nicht nur ganz allgemein, sondern auch auf eine jeweils ganz bestimmte Person bezogen. Aber dennoch würde es niemandem einfallen, damit auch schon das Wesen dieser Person, ihre Identität erschöpfend bestimmen und benennen zu wollen. – Der Körper ist insgesamt selbst transient: Ununterbrochen entstehen neue Zellen und sterben welche ab. Der Körper ist wesentliches Element menschlicher Identität und macht sie doch keineswegs aus.
Was aber ist dann menschliches Leben? Und was macht die Identität einer Person aus? – Wir sehen in die medizinischen Bilder ein- bzw. über sie geblendet: Hände, die einander fassen; Hände, die sich schützend vor die Brust legen; einen Arm/eine Hand, die ins Unbestimmte ausgreift, vielleicht Halt sucht; ein Gesicht, einen Mund, eine Hand vor dem Mund, einen Blick; Füße, die zu Boden gleiten und darauf Halt finden; weiße Strümpfe – vielleicht stellvertretend für die Hüllen, mit denen unser Leben zu umgeben wir kultiviert haben; sie sind genauso transientes Element menschlicher Identität, ohne selbst schon ihr Eigentliches zu sein.
Zweifellos – auch diese Einblendungen sind mögliche und wesentliche Antworten auf die Frage nach dem Menschsein und nach personaler Identität. Und doch erfasst keine dieser Antworten das Wesen des Lebens, das Wesen des Mensch- und Personseins selbst.
Eine ganz kurze Sequenz des Videos hat mich besonders beeindruckt: Wir sehen die Tomografie eines weiblichen Beckens, für mich als medizinischen Laien v.a. erkennbar die Becken- und Hüftknochen und den oberen Teil der Oberschenkelknochen – und darüber geblendet: Füße, die sich von oben nach unten schieben – so als wollten diese Füße (also das, was wir normalerweise als äußere Schicht oder Hülle dieser Körperteile sehen) in ihr durch die Tomografie sichtbar gemachtes Inneres hineinsteigen und damit den physiologischen Kern zur Hülle zu machen. Ist das Innen wirklich innen, also näher am Kern menschlicher Identität? Ist das Außen wirklich nur außen, Oberfläche? Ist es nicht vielleicht umgekehrt? Egal, wie wir diese Fragen beantworten: Jede Antwort ist richtig und doch zugleich ungenügend und damit auch wieder falsch. Was wir vom Wesen eines Menschen auch sagen können, wie wir einen Menschen auch beschreiben und visualisieren können: jedes Wort, jedes Bild bleibt wie ein akustischer Transient: Wesentliches Mittel der Identifizierung und doch nie eigentlicher Wesenskern.
Menschliche Technik und Wissenschaft haben die Grenzen der Visualisier- und Beschreibbarkeit schier unvorstellbar erweitert und bereits in den Raum jenseits der Atomkerne vorgeschoben. Die Frage „Was ist das Leben?“, „Worin besteht die Identität eines Menschen?“ wurde dadurch immer noch nicht gelüftet. Die Grenzen bleiben immer noch Grenzen, über die hinaus wenigstens der menschliche Geist reicht, indem er die Grenzen als Grenzen identifiziert, hinter denen noch etwas liegt – und wir vermuten dort: das Eigentliche, die Antwort auf die menschheitsalte Frage, das, was die Theologie „Seele“ nennt und damit auch nur einen Platzhalter-Begriff bereithält, der das Bezeichnete auch nicht wirklich greifbarer macht.
Unsere Begriffe, unsere Bilder bleiben immer diesseits dieser Grenzen des Wirklichen – und in dieser Hinsicht ist eigentlich alles, was wir sagen und sichtbar machen können: transient. Alles – außer vielleicht das eine Wort, das einzige übrigens, das ich im Soundtrack dieser Video-Arbeit verstehen konnte: secret – Geheimnis.
Vielleicht ist das der einzig wirklich gültige und bereits den Wesenskern jenseits der Grenze des Sag- und Sichtbaren identifizierende Begriff: Was ist das Leben? Was ist der Mensch? – Secret – Geheimnis!