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kunstzeit 12

Ming-Chi Chang und Chen-Hao Lee

Eröffnung: Mittwoch, 1. April 2009

im Rahmen der Eröffnung des Linz09-Kulturhauptstadtteilprojektes „Internationale und inter­religiöse Begegnung mit Kunst – Dornach gibt sein letztes Hemd“
Einführung von Mag. Christina Leitner, Abteilung Kunst/Textil&Design, Kunstuniversität Linz

Chen-Hao Lee , geboren 1982 in Taichung (Taiwan), 2000 – 2004 Department of Fiber Style, Kun-Shan University of Technology, WS 2004 – 2005 und seit 2008: Master student Textil/ Kunst und Design, Kunstuniversität Linz, Teilnahme an Gruppenausstellungen u.a. in Taichung (Taiwan), Tainan (Taiwan), Papier Luxus, Steyrermühl (A), 2008

Ming-Chi Chang , geboren 1978 in Chiayi (Taiwan), 1993 – 1996 Department of Fine Arts, Taipei Private Hwa Kang Arts School, 2001 – 2005 Department of Fiber Style, Kun Shan University of Technology, seit 2006 Master Student, Textil/Kunst und Design, Kunstuni­versität Linz, Teilnahme an Gruppenausstellungen in Tainan (Taiwan), Shanghai (China) und Helfenberg (A), Papier Luxus, Steyrermühl (A), 2008

 

Raum der Stille an der Universität

Die ehemalige Hauskapelle der Katholischen Hochschulgemeinde Linz wurde im Jahr 1968 errichtet. Im Rahmen der Neugestaltung 2001/02 erfuhr der Raum eine konzeptionell völlig neue Ausrichtung als interreligiöser „Raum der Stille an der Universität“. Die künstlerische Umsetzung stammt von den jungen Kunstschaffenden Andrea Barth, Andrea Krenn und Peter Kulev, die mit ihrem Teamprojekt den an der Linzer Kunstuniversität ausgeschriebenen Wettbewerb für sich entschieden.

Das von ihnen verfolgte Konzept besticht durch weitgehende Integration der ursprünglichen Bausubstanz ebenso wie durch radikale Klarheit und Konsequenz in materieller sowie formaler Hinsicht. In seiner „wüstenhaften“ Kargheit stellt der Raum einen bewussten Gegenpol zur reizüberfluteten und hektischen Atmosphäre pulsierenden universitären Lebens dar und bietet zugleich Freiraum für vielfältige Formen religiöser Nutzung sowie für temporäre künstlerische Gestaltungen.

Seit dem Wintersemester 2003/04 findet einmal pro Semester die Ausstellungsreihe „kunstzeit“ in Kooperation mit dem Kunstreferat der Diözese Linz im Raum der Stille statt. Abwechselnd sind dabei junge Studierende der Kunstuniversität Linz und bereits etablierte Kunstschaffende mit ihren Arbeiten zu Gast.

Kuratorin der Reihe „kunstzeit“ im Raum der Stille an der Universität: Dr. Martina Gelsinger

Katholische Hochschulgemeinde, Mengerstraße 23, 4040 Linz, E-Mail, Telefon: 0732/244011-73

 

Einführung am 1. April 2009

Mag. Christina Leitner, Abteilung Textil/Kunst&Design, Kunstuniversität Linz

Ich darf Sie ganz herzlich begrüßen und freue mich, Ihnen hier im Raum der Stille diese Rauminstallation und die beiden verantwortlichen Künstler kurz vorstellen zu dürfen.

Ming-Chi Chang und Chen-Hao Lee stammen beide aus Taiwan und haben gemeinsam an der Universität in Thainan Textil studiert. Bereits 2004 waren sie im Rahmen eines Auslandssemesters bei uns in Linz an der Kunstuniversität. Sie haben mir erzählt, dass sie damals völlig fasziniert waren von der Freiheit, von den eigenständigen Entscheidungen und von der individuellen Betreuung, die sie hier erlebten. Nachdem sie das Studium in ihrer Heimat abgeschlossen hatten, haben sie beschlossen, gemeinsam erneut nach Österreich zu kommen. Nun sind sie seit fast 3 Jahren wieder hier und absolvieren das Magisterstudium Textil/Kunst&Design.
Ming-Chi und Chen-Hao sind mittlerweile zu einem fixen Bestandteil an der Uni geworden und eigentlich aus unserer Abteilung nicht mehr wegzudenken. Wenn man die beiden sucht, ist man immer gut beraten, einmal in der Webwerkstatt nachzusehen, denn Ming-Chi und Chen-Hao haben sich wirklich mit großer Ernsthaftigkeit auf die Weberei eingelassen und sind vor allem im Bereich des Jacquardwebens mittlerweile Spezialisten geworden.

Das Jacquardweben ist eine spezielle Form der Weberei, mit der man freie, organische Formen weben kann. Während man in der klassischen Schaftweberei immer an strenge, geometrische Muster gebunden ist, die sich durch die rhythmische Verkreuzung von Kett- und Schussfäden ergeben, hat man in der Jacquardweberei die Freiheit, individuelle Formen und Bildgestaltungen zu kreieren, die ansonsten nur bei Tapisserien und Gobelin-Webereien erzielt werden können.
Die Jacquardtechnologie gibt es zwar grundsätzlich schon lange, sie wurde aber bis vor kurzer Zeit im freien, künstlerischen Bereich nur wenig eingesetzt, da sie sehr komplex und durch die Steuerung mittels Lochkarten äußerst aufwendig ist, sodass sie sich nur für das Weben von Rapporten in endloser Wiederholung eignet. Durch die neuen technologischen Entwicklungen ist es nun aber möglich, auch Handjacquardwebstühle per Computer anzusteuern, was völlig neue Möglichkeiten und künstlerische Zugänge eröffnet.
Jacquardweben beinhaltet also beides: Sie bietet einerseits in der Gestaltung große Freiheit, andererseits verlangt sie aber aufgrund ihrer technischen Komplexität auch sehr viel Disziplin und Bereitschaft zur Einschränkung. Es ist bestimmt kein Zufall, dass Ming-Chi und Chen-Hao gerade von diesem Medium so fasziniert sind, da sie beide Pole durch ihren Hintergrund in sich vereinen.

Auch die Arbeiten, die hier in diesem Raum zu sehen sind, bestehen alle aus handgewebten Jacquardstoffen mit aufwändigen Mustern und Strukturen, die anschließend dreidimensional weiterverarbeitet wurden. Inhaltlicher Ausgangspunkt für die Arbeit war die Überlegung, was in Taiwan zu der Zeit passiert, wenn wir bei uns Ostern feiern. In Taiwan praktiziert man eine Religion, die aus buddhistischen und taoistischen Elementen besteht. Im Ablauf des religiösen Jahres gibt es dort tatsächlich ein wichtiges Fest, das mit unseren Osterzeit zusammenfällt: Es ist das traditionelle Totenfest (Quingming), das immer am 4. und 5. April gefeiert wird. Bei diesem Fest gedenkt man der verstorbenen Verwandten und Bekannten und ehrt die Heiligen, somit ist es mit unserem Allerseelenfest vergleichbar. Allerdings hat es laut Beschreibung von Ming-Chi und Chen-Hao nicht dieselbe Schwere und Traurigkeit, sondern es handelt sich eher um ein fröhliches und unbeschwertes Fest, das ja auch bezeichnenderweise nicht im trüben November, sondern im April zu Frühlingsbeginn gefeiert wird. Man trifft sich auf den Friedhöfen, schmückt die Gräber, bringt Essen und Trinken und feiert zwei Tage lang unter freiem Himmel. Und es gibt verschiedene Rituale und Symbole, die dieses Totenfest prägen und die Ming-Chi und Chen-Hao hier in diesem Raum eingefangen haben.
Wichtigstes Symbol für das Fest ist die Lotosblume, die vor allem im Buddhismus ein wichtiger Bedeutungsträger ist. Der Legende nach werden Lotosblumen 1000 Jahre alt und folgendes Merkmal ist für sie charakteristisch: Die Pflanze kann entweder wundervoll blühen, dann verliert sie allerdings alle Blätter, oder sie hat ein üppiges Blattwerk, kann dann aber keine Blüte entwickeln. Aufgrund dieser Eigenschaft steht sie sinnbildlich für die Einheit von Leben und Tod, die zwar nie gleichzeitig existieren, aber im religiösen Verständnis nur die zwei Erscheinungsformen ein und desselben Prinzips sind.
Die Lotosblume wird rund um die Friedhöfe angepflanzt und man schmückt mir ihr die Gräber. Es gibt aber auch die Tradition Lotosblüten aus Papier nachgefaltet, genauso wie auch Schiffe und Boote. Die Papiere werden zum Teil mit Sutren und religiösen Sprüchen beschrieben und dann aufwändig gefaltet. Schließlich setzt man sie auf einem fließenden Wasser aus und lässt sie treiben, was wiederum den Übergang von einer Welt in die andere symbolisiert.
Ein anderes Ritual des taiwanesischen Totenfests, auf das sich die Arbeiten am hinteren Ende der Seitenwände beziehen, stellt die Verbrennung von Totengeld dar. Es wird für dieses Fest ein spezielles Papiergeld mit religiösen Motiven und Schriftzügen hergestellt, das zu den Festtagen in einem zeremoniellen Feuer verbrannt wird. Mit diesem Ritual sollen die Schulden, die die Verstorbenen zu ihren Lebzeiten auf sich geladen haben, beglichen und ihr Wohlergehen gesichert werden.

Alle diese Symbol und Riten wurden von Ming-Chi und Cheng-Hao hier in diesem Raum eingefangen. Er teilt sich in zwei Seiten, eine in Blau und Silbertönen gehaltene Seite, die den Tod symbolisiert und eine Rot-Goldene Seite, die für das Leben steht. Und obwohl sich die beiden Seiten zwar diametral gegenüber stehen, bilden sie doch gemeinsam die Einheit des Raums. In der vorderen Mitte treffen sie aufeinander und gehen ineinander über, was durch eine zweifärbige Lotosblüte symbolisiert wird.

Für Ming-Chi und Cheng Hao hat das Totenfest auch persönlich immer noch eine große Bedeutung. Auf meine Frage, ob es für sie schlimm sei, das Fest nun Anfang April nicht im Kreis ihrer Familie zu Hause feiern zu können, antworteten sie mir sinngemäß, dass es eigentlich nicht ins Gewicht falle, ob sie physisch dort anwesend wären oder nicht, und außerdem – so meinten sie – hätten sie sich ja immerhin noch gegenseitig!
Diese Aussage bringt für mein Empfinden einen weiteren Aspekt zum Ausdruck, den diese Rauminstallation in sich birgt: Für mich ist die Arbeit in einer gewissen Weise auch die Dokumentation einer Freundschaft, denn es wurde hier etwas in voller Tiefe praktiziert, was die beiden in der Fremde oder vielleicht auch durch die Fremde fernab ihrer Heimat verbindet. Sie haben die Arbeit wirklich von A bis Z gemeinsam konzipiert, alle Inhalte lange reflektiert, Umsetzungsmöglichkeiten diskutiert und letztendlich spielt es nun bei der fertigen Arbeit in keiner Weise eine Rolle, wer welchen Teil der Arbeit in die Realität umgesetzt hat. Es ist das Produkt einer gemeinsamen Auseinandersetzung, das nicht mehr in zwei Einzelteile zerfallen kann. Und vielleicht macht gerade auch dieser Umstand das Besondere dieser Arbeit aus, nämlich ein asiatisches Prinzip, das sich auf mehreren Ebenen durchzieht:
Überall finden wir Pole: Heimat und Fremde, Freiheit und Einschränkung, Leben und Tod, Himmel oder Hölle,… – diese Gegensatzpaare, die wir im Westen immer als Anachronismen denken, die sich gegenseitig ausschließen, erscheinen im asiatischen Verständnis nur als die zwei Seiten einer Medaille, die untrennbar verbunden sind.

In diesem Sinne bleibt mir nur mehr, Euch beiden zu Eurer Arbeit und zu Eurer Freundschaft zu gratulieren, Euch weiterhin alles Gute zu wünschen und Danke zu sagen, dass Ihr uns mit der Gestaltung dieses Raums ein Stück weit in Eure Welt eintauchen lässt!