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Eröffnung: Mittwoch, 28. April 2010, 20.00 Uhr
Raum der Stille, Katholische Hochschulgemeinde, Mengerstraße 23, A-4040 Linz
Zu den Arbeiten: Esther Strauß, Künstlerin und Autorin
Uni-Gottesdienst mit theologischer Annäherung von Dr. Markus Schlagnitweit, Hochschulseelsorger
Hannah Winkelbauer, geb. 1987 in Wien, studiert seit 2005 Bildende Kunst/Malerei an der Kunstuniversität Linz.
Raum der Stille an der Universität
Die ehemalige Hauskapelle der Katholischen Hochschulgemeinde Linz wurde im Jahr 1968 errichtet. Im Rahmen der Neugestaltung 2001/02 erfuhr der Raum eine konzeptionell völlig neue Ausrichtung als interreligiöser „Raum der Stille an der Universität“. Die künstlerische Umsetzung stammt von den jungen Kunstschaffenden Andrea Barth, Andrea Krenn und Peter Kulev, die mit ihrem Teamprojekt den an der Linzer Kunstuniversität ausgeschriebenen Wettbewerb für sich entschieden.
Das von ihnen verfolgte Konzept besticht durch weitgehende Integration der ursprünglichen Bausubstanz ebenso wie durch radikale Klarheit und Konsequenz in materieller sowie formaler Hinsicht. In seiner „wüstenhaften“ Kargheit stellt der Raum einen bewussten Gegenpol zur reizüberfluteten und hektischen Atmosphäre pulsierenden universitären Lebens dar und bietet zugleich Freiraum für vielfältige Formen religiöser Nutzung sowie für temporäre künstlerische Gestaltungen.
Seit dem Wintersemester 2003/04 findet einmal pro Semester die Ausstellungsreihe „kunstzeit“ in Kooperation mit dem Kunstreferat der Diözese Linz im Raum der Stille statt. Abwechselnd sind dabei junge Studierende der Kunstuniversität Linz und bereits etablierte Kunstschaffende mit ihren Arbeiten zu Gast.
Katholische Hochschulgemeinde, Mengerstraße 23, 4040 Linz, E-Mail, Telefon: 0732/244011-73





Dass Hannah Winkelbauer ihre Bilderinstallation zur kunstzeit14 als „Selbstportrait“ betitelt und begreift, ist einerseits überraschend und zugleich zutiefst nachvollziehbar. Ich verbinde mit der Bezeichnung „Selbstportrait“ das künstlerische Selbstbildnis eines Menschen – in der Regel aber im engeren zeitlichen Rahmen des Schaffensprozesses selbst: Wie sieht sich einE KünstlerIn selbst im Moment der Entstehung des Selbstportraits? Diesen engen zeitlichen Rahmen sprengt Hannah Winkelbauer augenscheinlich. Die Bilder, auf denen die Künstlerin selbst zu sehen ist, stammen aus ihrer Kindheit und frühen Jugend: mit den Mitteln ihrer Malkunst überarbeitete frühere Fotografien.
Was die sonst üblichen künstlerischen Selbstportraits außer ihrem engen zeitlichen Kontext aber auch noch auszeichnet, ist die Tatsache, dass es sich in der Regel nicht einfach um möglichst detailgetreue, naturalistische Selbst-Abbildungen – sozusagen um Abzüge der oberflächlichen Erscheinung – handelt, sondern um eine mit den zu Gebote stehenden künstlerischen Mitteln herausgearbeitete Selbstsicht: Mit Mitteln der Farb- und Formgebung etwa werden bestimmte Charaktereigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale gezielt hervorgehoben. Was ist dem sich selbst abbildenden Menschen an sich selbst wichtig und der besonderen Hervorhebung wert? – Hannah hebt in ihrem Selbstportrait nun etwas hervor, was den gewohnten Rahmen eines Selbstportraits eigentlich sprengt: ihre eigene Geschichte – nicht nur mit Hilfe der Bilder aus der eigenen Kindheit und Jugend, sondern sie weitet den Geschichtshorizont ihres Selbstportraits noch aus auf die Zeit vor ihrer Geburt und zeigt uns Bilder ihrer Ahnen. Im Sinne des konventionellen „Selbstportrait“-Begriffs ist das – wie gesagt – überraschend. Aber wer wollte andererseits bestreiten, dass die Geschichte eines Menschen ganz wesentlich zur Identität eines Menschen gehört – sogar jene Geschichte, die der eigenen Lebenszeit noch vorangeht!?! Kein Mensch ist er/sie selbst ausschließlich kraft eigenen Seins; sowohl unsere physische als auch unsere geistig-seelische Existenz verdanken wir der Existenz und direkten wie indirekten Einflussnahme anderer. Was und wer wir sind, sind wir aus, durch und mit anderen. Dieses Beziehungsgeflecht, diese andauernde soziale Interaktion – das ist die Lebensgeschichte eines Menschen, und die gehört untrennbar und unverzichtbar zu seiner Identität. Sie ist auch unverzichtbar für das Verständnis eines Menschen – erst recht für sein Selbstverständnis und Selbstbild.
Hieran lässt sich unmittelbar eine auch theologisch relevante Aussage und Erkenntnis knüpfen: Ich habe vorhin eine Bibelstelle aus dem Buch Deuteronomium vorlesen lassen. Es handelt sich um eine uralte religiös-kultische Vorschrift über Inhalt und Form einer Erntedank-Feier. Der Sinn solcher Feiern, die es in unterschiedlichen Ausformungen ja bis in unsere Zeit herein gibt, besteht nun nicht in der Darbringung irgendwelcher Opfergaben an einen Gott. Das wäre – zumindest im Kontext des biblischen Gottesbegriffs – absurd: Gott braucht die Früchte dieser Erde und unserer menschlichen Arbeit nicht. Der Sinn solcher Erntedank-Feiern liegt vielmehr in der Selbstvergewisserung der Feiernden selbst: Im Akt der dankenden Darbringung von Opfergaben erinnert sich und bringt der Opfernde zum Ausdruck, dass er seine Existenz nicht sich selbst verdankt, dass er nicht kraft eigener Hervorbringung und Leistung ist. Wir können sagen: Der Akt und die Haltung der Dankbarkeit sind wesentlicher Teil des Selbstverständnisses des biblisch gläubigen Menschen, sind Bestandteil seines „Selbstportraits“, das er in der kultischen Dankfeier von sich herstellt.
Interessant ist – und das erlaubt nun eine direkte Bezugnahme zum „Selbstportrait“ Hannah Winkelbauers, dass auch in dieser biblisch-kultischen Selbstinszenierung des Menschen die Bezugnahme zur eigenen Geschichte, zu den eigenen Ahnen wesentlich dazugehört: Die Opfernden werden ausdrücklich dazu angehalten, die (religiös gedeutete) Geschichte des eigenen Volkes, und damit auch ihre eigene Geschichte zu erinnern und auszusprechen. („Mein Vater war ein heimatloser Aramäer ...“)
Ja, wer genauer hinsieht und darüber reflektiert, kann den Großteil der gesamten biblischen Überlieferung begreifen als im Licht des biblischen Glaubens interpretierende Erinnerung und Erzählung jener Geschichte, welche die eigenen Ahnen durchlebt und selbst wieder als Geschichte gedeutet haben, die sie mit ihrem Gott erlebt haben. Diese Ahnengeschichte wird – nicht zuletzt im Rahmen der kultischen Dankesfeier – als Teil der eigenen Identität angeeignet; der biblische Gott als wesentliches Subjekt dieser Ahnengeschichte wird damit auch zum persönlichen Gott und Teil der eigenen Identität.
Wir rühren hier an einen wesentlichen Bedeutungsgehalt des Begriffs „Religion“: „Religion“ leitet sich ab vom lateinischen re-legere – wörtlich: wieder-lesen, also das Geschehene, das Vorangegangene erinnern und erneut bedenken im Lichte der Gegenwart; eine andere Deutung leitet „religio“ ab von re-ligare – wörtlich: (sich) rückbinden, also befestigen am Vorangegangenen, an der eigenen Geschichte, also: Festigkeit, einen festen Standort, Selbstgewissheit gewinnen aus der Erinnerung der eigenen Geschichte.
Ich würde sagen: Das ungewöhnliche „Selbstportrait“ Hannah Winkelbauers weist – bewusst oder unbewusst – ein Kernelement bzw. -motiv biblischer Religiosität auf: Die Findung und Gewinnung eigener Identität aus geschichtlicher Selbstvergewisserung, als Selbstidentifizierung durch und mit der eigenen Geschichte, die sogar über die Grenzen der eigenen Lebenszeit hinausreicht.
Annäherung von Esther Strauß
„Mich interessieren Biografien und Biografien in Bildern“
Hannah Winkelbauer
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Diesem Text geht viel voraus: fünf Jahre gemeinsames Studium, eine Freundschaft, künstlerische Zusammenarbeit, und schließlich die Einladung diese Rede zu schreiben. Das Interview, das ich mit Hannah über ihre Arbeit als Grundlage für diese Rede geführt habe, ist nur eines von zahlreichen Gesprächen.
Was davon erzählen?
Ich möchte damit beginnen über die Herkunft von Hannahs Bildern zu sprechen. Darüber, wie sie den Weg in diese Galerie gefunden haben.
Diese Ausstellung geht von einem Schatz aus, den die meisten von uns besitzen – einem Bilderschatz. Wir besitzen Fotos von uns, und oft auch von unserer Familie, unseren Vorfahren. Wir verwahren einen Fundus, der in Alben steckt oder in den Dateiordnern unserer Festplatten. Hannah Winkelbauer hat ihre Alben geöffnet und ihren persönlichen Bilderschatz zur Vorlage ihrer Gemälde gemacht. Die von ihr gemalten Bilder stellen eine Auswahl dar:
Der Fotograf/die Fotografin hat ausgewählt: und nur einen Moment der vielen ins Bild gebannt, die die abgebildeten Personen erlebt haben mögen. Der Zufall hat seine Wahl getroffen: manche Fotos sind verschwunden, oder wurden nicht weitergegeben. Die Künstlerin hat selektiert: von den Fotos, die bis zu ihr gelangt sind, hat sie einige wenige gemalt und aufgehängt.
Diese Ausstellung zeigt also mehrfach ausgewählte Momentaufnahmen aus dem Leben einer Familie. Die Malereien sind in zwei Werkgruppen unterteilt: Die erste Werkgruppe zeigt die Bilder eines Kindes, zeigt Bilder von Hannah als Kind. Für die zweite Werkgruppe wurde der Bildraum weiter in die Vergangenheit geöffnet und Hannahs Vorfahren wurden ins Bild zitiert. Wir haben diese Personen und ihre abgebildeten Momente nicht miterlebt. Ihre Bilder wurden aus dem Album entnommen, aus ihrem privaten Kontext gerissen und hängen nun in einer Galerie. Es sitzt niemand neben uns, der die Bilder zum Anlass nimmt, um uns etwas über die dargestellten Personen zu erzählen. Den Malereien fehlt also nicht nur - wie in der zweiten Werkgruppe - ihr Hintergrund, es fehlen ihnen auch die Erinnerungen und die Geschichten, die sie normalerweise begleiten.
Was stellen diese Bilder also dar?
Ich war mir lange nicht sicher, was ich auf den Bildern sehe. Mein Eindruck schwankt: Manchmal meine ich in der ersten Werkgruppe Hannah zu erkennen, andere Male wiederum sehe ich nur ein Kind beim Essen, ein Kind beim Baden, ein Kind auf einem Pferd. Wenn ich das Hochzeitsbild von Hannahs Großmutter ansehe, dann meine ich eine bestimmte Person aufblitzen zu sehen. Wenn ich mich später an das Gemälde erinnern will, überlagert sich mein Erinnerungsbild mit dem Bild meiner eigenen Großmutter bei ihrer Hochzeit. Ich erkenne also in der Malerei etwas wieder: die Art und Weise wie sie einen Menschen abbildet. Ich erkenne eine Bildsprache und beginne zu sympathisieren, zu assoziieren, denn ich besitze ähnliche Bilder. Kehre ich aus meiner Bilderwelt zurück und stehe wieder vor Hannahs Portraits, erhasche ich manchmal wieder einen bestimmten Menschen, dessen Blick nie mir gelten wird, sondern dem Fotograf oder der Fotografin, und somit einem privaten Augenblick.
Hannahs Malerei stellt für mich also zweierlei dar: Einerseits das Persönliche eines Menschen und andererseits die gängige Ikonografie von Familienfotos, die wiederholt wird als Repräsentation des Privaten. Hannah Winkelbauer bildet in dieser Ausstellung sich und ihre Familie ab, und verleitet uns, uns ebenfalls abgebildet zu fühlen. In dieser Spannung stehen ihre Bilder. So führt mich der Ausstellungstitel „Selbstportraits“ zu der Frage: Wenn von mir ein Bild gemacht wird – wie sehr werde ich selbst abgebildet, und wie sehr ein Kanon, eine Bildsprache, die Gepflogenheit gewisse Lebens-Momente auf eine bestimmte Art und Weise ins Bild zu fassen? Wann erscheint ein Mensch im Bild, ohne verdeckt zu werden? Wie komme ich in die Bilder von mir hinein?
Auf meine Frage: „Wieso malst du?“ hat Hannah Winkelbauer gesagt: „Um etwas sichtbar zu machen, um etwas wichtig zu machen.“ Malen heißt in diesen Bildern nicht zu klecksen oder zu erfinden. Malen heißt hier: vorhandene Bilder sammeln, sichten, Muster finden, eine Auswahl treffen, Ausschnitte wählen, das Foto als Malerei transformiert in die Galerie hängen, - um dadurch die Bilder zu befragen, die wir bereits besitzen.
In diesem Sinne möchte ich vorschlagen, dass wir uns heute Abend mit den Bildern von Hannah Winkelbauer beschäftigen und mit allen eigenen Bildern, die von den ihren hervorgelockt werden.
Esther Strauß malt, schreibt und performt. Sie studiert seit 2005 Bildende Kunst/Malerei an der Kunstuniversität Linz. Esther Strauß ist gemeinsam mit Hannah Winkelbauer, Iris Aue und Magdalena Steinleitner als das Künstlerinnen-kollektiv kumpaninnen tätig. Die Rede zu Hannah Winkelbauers Arbeit entstand anlässlich ihrer Ausstellung „Selbstportraits“ im Raum der Stille, Khg Linz.